Das Dunkelrestaurant
Etwa 70% der Sinneseindrücke nimmt der sehende Mensch über die Augen wahr. Nimmt man einem sehenden Mensch das Licht, stehen ihm demnach in den ersten Minuten lediglich 30% seiner gewohnten Sinnesleistung zur Verfügung.
Doch schon nach wenigen Minuten in der Dunkelheit intensiviert der sehende Mensch seine vier übrigen Sinne, verteilt die internen Rollen neu, lässt Ohren und Hände „sehen“, erriecht, erhört und erspürt seine Umgebung.
Durch den Wegfall des Sehsinns werden neue Wahrnehmungsmöglichkeiten entdeckt und aktiviert. Riechen und Schmecken erscheinen auf den ersten Blick im Dunkeln nicht anders als im Hellen. Wenn sich die übrigen Sinne intensivieren, intensiviert sich auch der Geschmacks- und der Geruchssinn, dann wird das Essen zum neuen Sinnerlebnis.
Beim Besuch des Dunkelrestaurants geht es nicht darum, eine Mutprobe zu bestehen oder eine Situation zu meistern, die unberechenbar und angsteinflößend ist – man trifft sich beim Essen und einzige Veränderung ist der dauerhafte Wegfall des Lichtes.
Der Gast lernt etwas völlig Neues kennen. Er macht eine sehr persönliche Erfahrung. Er stellt sich der Herausforderung der absoluten Dunkelheit, bringt sich mit dem Nichtsehen in eine Situation, die ungewohntes Handeln verlangt und tritt ein in eine Welt, in der mit anderen Maßstäben gemessen wird.
Das Dunkelrestaurant hebt sich ab vom gewöhnlichen Restaurant. Sinnvolle Erfahrung statt Gaudi. Der Besucher stellt sich mit dem Aufenthalt in der Dunkelheit seiner eigenen Empfindung, wird dazu ermuntert, in Kontakt zu Blinden und sehbehinderten Menschen zu treten und sich mit anderen darüber auszutauschen.
